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... Yuppies aus St. Pauli jagen!

Wir, als SoL*Hamburg, haben anlässlich des Brigittenstraßenfestes ein Flugblatt zur Gentrifizierung auf St. Pauli geschrieben, dass wir euch jetzt auch hier präsentieren wollen:
St. Pauli hat Geschichte
St. Paulis Geschichte ist geprägt von Armut und Elend. Das Viertel entstand, indem sich Menschen vor den Toren Hamburgs ansiedelten, weil sie das Bürgergeld für Hamburg nicht bezahlen konnten. Andere zogen nach St. Pauli, weil sie aus der Stadt geworfen wurden, da sie unerwünschte Personen waren, wie aufmüpfige HandwerkerInnen, GastwirtInnen oder Prostituierte. Die Bonzen wollten zwar nicht auf die Prostitution verzichten, aber das Milieu sollte sich nicht direkt in der Stadt befinden. Traurige Berühmtheit hat St. Pauli wegen der menschenverachtenden Prostitution erlangt, bei der Frauen in sklavenähnlichen Verhältnissen gehalten werden. Auch siedelten sich Gewerbe an, die nicht in das Stadtbild passten und störten, weil sie entweder stanken wie „Thranbrennereien“ oder unangenehm waren wie der „Pesthof“.
Aber St. Paulis Geschichte ist auch eine Geschichte von Kämpfen gegen die herrschende Politik. Während des Hafenarbeiterstreiks 1919, bei dem die ArbeiterInnen ihre Arbeit aus Solidarität mit der Münchener Räterepublik niederlegten, wurden mehrere Polizeiwachen gestürmt und es kam zu Plünderungen durch die hungernde Bevölkerung. Bis zu Machtübergabe an die Faschisten 1933 galt St. Pauli als eine Hochburg der KommunistInnen. Dies drückte sich einerseits in den Wählerstimmen aus und andererseits dadurch, dass es vermehrt zu Schießereien zwischen dem kommunistischen Rotfrontkämpferbund und der faschistischen SA kam. Ab 1980 wurden viele Häuser in St. Pauli besetzt und die Kämpfe um Freiräume konzentrierten sich um die Hafenstraße. Zu einem kleinen Revival dieser Proteste kam es als 2002 der Bauwagenplatz Bambule geräumt wurde.
Ein Stadtteil im Wandel
Auch heute noch ist St. Pauli einer der ärmsten Stadtteile Hamburgs und die Bevölkerung besteht traditionell aus vielen MigrantInnen – bis zu den 1990ern gehörte St. Pauli sogar zu den ärmsten Stadtteilen Europas. Dies wurde durch die Deindustrialisierung gefördert. Viele Betriebe zogen weg und das Stadtteilbild veränderte sich. Aktuell dominieren gastronomische, handwerkliche und künstlerische Betriebe die Arbeitswelt auf St. Pauli. Daneben blüht schon lange der informelle und kriminelle Sektor auf St. Pauli. Die Verflechtung des organisierten Verbrechens mit der Politik führte dazu, dass sich verschiedene Banden Teile des Stadtteils unter den Nagel reißen konnten. Seit Ende 1990er wurde durch gezielte Umstrukturierungen das Viertel aufgewertet und das Stadtteilbild ändert sich bis heute rapide. Durch die nahe Lage zur Innenstadt, die vielen Bars, Cafés und die gute Infrastruktur ist St. Pauli eine beliebte Wohngegend geworden und die Mieten steigen und steigen. Wohnungen in St. Pauli sind gefragt. Diese hohe Nachfrage führt zu Mietsteigerungen bei Neuvermietungen. In den letzten fünf Jahren ist die durchschnittliche Miete des Viertels um 28 % gestiegen und die durchschnittliche Kaltmiete beträgt schon über 11 € pro Quadratmeter. Mittlerweile müssen einige Menschen schon die Hälfte ihres Einkommens für die Miete ausgeben. Außerdem sollen bis 2020 ein Drittel der Sozialwohnungen auf St. Pauli aus der Sozialbindung herausfallen. Eine Mieterhöhung ist damit schon vorprogrammiert. Die Sanierungsstrategie der Politik und die Vermietungspraxis der Unternehmen fördern diesen Prozess. Es entstehen keine neuen Sozialwohnungen, sondern vermehrt Eigentumswohnungen, weil damit mehr Geld verdient werden kann.
Recht auf Stadt?
In anderen Städten zeigt sich ein ähnliches Bild. KünstlerInnen und Studierende ziehen in ärmere Stadtteile und das Stadtbild ändert sich langsam, weil Bars und Cafés dieser Nachfrage nachziehen. Die Mieten steigen immer weiter, weil einige Viertel attraktiver für noch Vermögendere werden. Die einkommensschwachen Menschen können sich das Leben in den betroffenen Stadtteil nicht mehr leisten und müssen immer weiter an den Rand der Stadt ziehen. Diese Entwicklung entspricht den Gesetzen des Kapitalismus. Die neue Nachfrage schafft ein neues Angebot und beide bedingen einander. Diesem Kreislauf können wir nur entfliehen, wenn wir uns gegen diese Umstrukturierungen wehren. Unsere Ansprüche und Bedürfnisse auf bezahlbaren Wohnraum und lebenswerte Stadtteile können wir nur gegen diese gesetzmäßige Entwicklung durchsetzen. Dabei sollte uns immer klar sein, dass unsere Bedürfnisse im Kapitalismus nicht zählen, sondern nur ob wir dafür bezahlen können.
Es gibt kein Recht auf Stadt, welches wir irgendwo einklagen oder einfordern könnten. Wir müssen uns dieses Recht erkämpfen. Der Kampf um bezahlbaren Wohnraum fällt meistens mit den Kämpfen der Kleingewerbetreibenden und KleinhändlerInnen zusammen, diese dominieren u.a. sogar die verschiedenen Initiativen und Netzwerke gegen die Umstrukturierung. Dabei geht es ihnen natürlich um ihre eigenen Interessen und nicht um die Abschaffung des Kapitalismus als Ganzes. Kleinbürgerliche Kräfte streben dabei meistens Kompromisse an, bei denen ihre eigenen Interessen besonders berücksichtigt werden und sie weiter ihre Geschäfte machen können. Deshalb ist es auch nicht besonders erstaunlich, dass zur Zeit in St. Georg unter dem Label "Recht auf Stadt" gegen Prostituierte, als Teil der Ärmsten und am meisten Ausgebeuteten unserer Klasse, gehetzt wird.
St. Pauli bleibt rot!
Wir als Organisation SoL * Sozialistische Linke wollen das Interesse der ausgebeuteten Klasse als Ganzes vertreten und lassen nicht zu, dass gespalten wird und wir gegeneinander ausgespielt werden. Dabei wollen wir jedoch nicht nur das Problem der Umstrukturierung bekämpfen. Als kommunistische Gruppe gehen wir davon aus, dass dieses und andere Probleme sich nur durch die revolutionäre Überwindung des Kapitalismus lösen lassen. Wir sind eine Organisation, die neben der konkreten Beteiligung und Unterstützung verschiedenster Kämpfe vor allem auch eine kommunistische Perspektive in diese tragen will. Dabei geht es uns auch darum, die revolutionäre Bewegung in der BRD zu stärken und überregional Vernetzungen und Strukturen aufzubauen. Letztendlich sehen wir die Notwendigkeit im Aufbau einer bundesweiten kommunistischen Organisation. Wir sind dabei offen für alle, die uns bei all dem tatkräftig unterstützen wollen.
In Hamburg sind wir im Internationalen Zentrum B5 organisiert. Hier treffen wir uns, machen Veranstaltungen usw. Dieser Ort ist nicht zufällig gewählt. In der B5 treffen sich viele fortschrittliche Gruppen, Organisationen und Parteien, viele davon aus dem Ausland. Diese Tatsache fördert die Zusammenarbeit von Strukturen aus verschiedenen Ländern. So sind hier eben auch die Kämpfe in anderen Teilen der Welt von großer Bedeutung.
Außerdem gibt es fast täglich sehr günstiges Essen und Trinken, was gerade im Viertel nicht gerade selbstverständlich ist. Dabei ist die B5 natürlich auch offen für neue Gruppen oder auch einzelne Menschen, die aktiv werden wollen oder sich einfach nur austauschen möchten.
Unser Flugblatt gibt es auch zum Download als PDF: klick! |